Veranstaltung gegen Menschenhandel und moderne Sklaverei

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Foto: Mbala

Eine Reportage von Ketsia Mbala

„Noch nie gab es so viele Sklaven wie heute. Millionen Kinder und Erwachsene werden in diesem Moment als Sklaven in Fabriken, Bordellen, Haushalten und auf Booten festgehalten, ausgebeutet und missbraucht. Getrieben von skrupelloser Gier und ungeachtet der lokalen Rechtssysteme machen Sklavenhalter mit diesen Menschen Milliarden-Profite. Sklaverei raubt Menschen jede Freiheit und verneint den grundlegenden Wert der Menschenwürde an sich. Meistens sind die Ärmsten der Gesellschaft betroffen. Niemand ist da, um sie zu schützen", so IJM.

Foto: IJM

Die Wahrnehmung der Veranstaltung

Ich bin in der Weimarer Straße in Berlin-Charlottenburg. Von weitem sehe ich einen Mann. Er erscheint mir sympathisch und ich spreche ihn an. „Entschuldigung, wie heißen Sie?“ Zur Antwort bekomme ich „Sie können mich gerne duzen, Cornelius heiße ich“.

 

Cornelius ist ein grauhaariger Mann mit weißem Bart. Er trägt auf der Nase eine durchsichtige Brille und hat eine graue Strickjacke an. Seinen Hals bedeckt ein Schal, auf dem „Stopp Sklaverei“ steht. Außerdem trägt er eine schwarze Hose.

 

Ich frage, ob es möglich ist, ihn für mein Schulprojekt zu interviewen. Er macht mich auf Esther aufmerksam, da sie mir mehr über die Veranstaltung erzählen kann.

 

Esther ist gerade dabei, den Stand abzubauen. Ich bin auch erst gegen 15:00 Uhr angekommen und die Veranstaltung war schon seit 10 Uhr in vollem Gange. Aus diesem Grund sind nicht mehr viele Teilnehmer da. Wir sind gefühlt zu siebt.

Foto: IJM

Esther hat einen dunkelbraunen Mantel an und eine blaue Mütze auf. Sie trägt auch einen Schal mit der Aufschrift „Stopp Sklaverei“. Ihre braunen langen Haare reichen ihr über die Schulter und auf der Nase trägt sie eine durchsichtige Brille. Sie hat eine schwarze Hose und schwarze Schuhe mit grauen Fell an.

 

Cornelius stellt mich Esther vor. Ich erläutere ihr den Grund meines Erscheinens. Ich bin mit meinem Kumpel da. Esther bestätigt die Aktion und bittet mich aber vor der Veröffentlichung, ihr das Projekt zu senden. Sie gibt mir ihre E-mail Adresse und so beginnen wir gleich mit dem Interview. Mein Kumpel zeichnet uns mit seinem Handy auf.

Das Gespräch zwischen Esther, Cornelius und mir

Foto: Geier

„Esther erzähl uns doch, wie kam es das du dich mit diesem Thema auseinandergesetzt hast und für Veränderung stehen wolltest, was die Sklaverei angeht.“

 

„Also ich bin so mit 2016 auf diese Organisation gekommen, wie sie aktiv gegen Menschenhandel vorgeht und ihr Konzept. Diese Aktion ist eine Kampagne für einen europäischen Tag gegen Menschenhandel und moderne Sklaverei. Sie findet jedes Jahr am 18. Oktober statt. Im Rahmen dieses Tages wollen wir Botschafter die Menschen darauf aufmerksam machen, dass es überhaupt noch dieses Problem mit dem Menschenhandel gibt.“

 

Seit letztem Jahr vergeben die Botschafter an die Teilnehmer selbst gestaltete „80€ Scheine“. Diese sollen symbolisieren, dass Menschen in moderner Sklaverei im Schnitt für 80€ gehandelt und gekauft werden können. Auf den Scheinen sind immer Schicksale der Betroffenen abgebildet.

Esther erzählt mir, dass Anna zurzeit eine Ausbildung zur Gärtnerin macht. Als Befreite bekommt sie die Chance auf ein neues Leben.

 

Auch Godson darf zur Schule gehen und eine Ausbildung machen, die er wirklich machen will.

Foto: IJM

"40,3 Millionen Menschen leben in Sklaverei. 10 Millionen von ihnen sind Kinder. 71% der Sklaven weltweit sind Frauen und Mädchen" (ILO. Walk Free Foundation, IOM 2017).

Die Organisation gegen Menschenhandel und moderne Sklaverei

„International Justice Mission“ existiert seit über zwanzig Jahren. Es gab in Ruanda einen Völkermord und Gary Haugen wurde von der UN beauftragt, dorthin zu gehen. Er untersuchte die Verhältnisse und war erschüttert davon, das all dies passieren konnte. Menschen wurde unrecht getan und er entschied, dass es so nicht weitergehen dürfe.

 

Gary Haugen rief die Internationale Gerechtigkeitsmission ins Leben. Seit sieben Jahren gibt es diese Organisation auch in Deutschland. In Berlin befindet sich das Hauptbüro, wo die hauptamtlichen Arbeiten.

 

Darüber hinaus gibt zehn bis fünfzehn freiwillige Gruppen. Sie organisieren Spendenläufe, Veranstaltungen oder gehen auf einen Weihnachtsmarkt, um Waffeln zu verkaufen. Der Erlös wird für weitere Befreiungsaktionen verwendet.

"In Deutschland sind folgende importierte Produkte besonders gefährdet, von Sklavenarbeit betroffen zu sein: Computer, Smartphones, Kleidung, Kakao und Fisch" (Global Slavery Index 2018).

Eine Befreite aus Guatemala

Foto: Mbala

Es gibt ein wesentliches Motiv, weshalb Menschen anderen Menschen Unrecht antun. Dieses liegt meist darin, dass die Täter es selbst nicht anders kennen oder das Gleiche erlebt haben.

„Menschen müssen geschützt werden. Es ist schön, wenn Bildung, Medizin und das tägliche Brot vorhanden sind. Wenn Menschen aber Angst davor haben müssen, versklavt zu werden oder ihre Rechte nicht wahrnehmen können, dann hilft auch die Sicherung der Grundbedürfnisse ihnen nicht weiter. Erst müssen Menschenrechte gesichert werden. Erst dann kann es darum gehen, Grundbedürfnisse für das tägliche Wohlbefinden zu gewährleisten“, so Esther

Die eigenständige Recherche

Ich bin Zuhause und kontaktiere über meinen Instagram Account verschiedene IJM-Organisationen in Deutschland, genauer gesagt in Göttingen, Stuttgart, Kassel oder Köln. Ich möchte ein Interview mit Anna, einer Zwangsprostituierten, führen.

Schnell bekomme ich zur Antwort, dass dies leider nicht möglich ist.

 

Die Betroffenen können falsche Namen angeben, um ihre Identität zu schützen. Aus diesem Grund kann man nicht auf herkömmliche Weise Kontakt mit ihnen aufnehmen. Zusätzlich ist die Organisation weltweit präsent. An den verschiedenen Standorten befinden sich weitere Botschafter, die sich gegen verschiedene Arten von Ungerechtigkeit einsetzen und den Betroffenen eine Stimme geben.

Eine Reportage von Ketsia Mbala

Ich tippe auf der Suchmaschine Google „Frauenhaus Berlin“ ein und komme direkt auf einer Seite mit dem Namen „FRAUENRAUM“. Ich scrolle auf der Internetseite herunter und finde die passende Rufnummer.

Es geht eine Mitarbeiterin ran: „Schönen Guten Tag hier spricht Frau Mbala. Ich wollte mich erkundigen, ob es möglich wäre, dass ich in Ihrer Einrichtung eine Frau interviewen könnte, die häusliche Gewalt erfahren hat“. Ihr könnt es mir glauben, während ich diese Worte ausspreche, wird mir ganz mulmig im Bauch. Ich hätte mich anders artikulieren sollen, nein ich hätte einfach vor dem Anruf genau überlegen sollen, was ich denn eigentlich sagen will.

 

Zum Glück erweist sich meine Gesprächspartnerin als freundlich und kooperativ. Sie weist mich darauf hin, dass eine direkte Befragung von Betroffenen leider nicht möglich ist. Stattdessen darf ich mit einer Mitarbeiterin der Einrichtung ein Interview führen und soll mich per E-Mail mit ihr über Zeit und Ort verständigen.

Frauenberatungsstelle   am Rosenthaler Platz

Foto: Flyer Frauenraum

Rosenthaler Platz, Berlin, Beginn der Expedition

An einem Freitagnachmittag, machen mein Kumpel und ich uns auf dem Weg zur Frauenberatungsstelle am Rosenthaler Platz. Das Wetter ist angenehm luftig und wir haben gute Laune. „Wir dürfen bloß nicht zu spät kommen. Wer weiß, ob die Mitarbeiterin danach noch einen anderen Termin hat“. Das waren die ganze Zeit meine Gedanken, während wir nach der Adresse suchten.

Foto: Flyer Frauenraum

Der erste Eindruck des Wohngebäudes würde niemals verraten, was sich tatsächlich hinter seinen Mauern versteckt

Wir stehen draußen vor der Tür, gehen die Treppen hoch und klingeln auf der linken Seite im Erdgeschoss. Es öffnet uns eine Mitarbeiterin die Tür und bitte uns, die Hände zu waschen. Momentan erleben wir eine schwierige Zeit wegen der Corona-Pandemie und viele wollen, dass man sich vor dem Betreten einer Wohnung oder eines Unternehmens immer die Hände wäscht.

Es ist sehr still in der Frauenberatungsstelle. Die Mitarbeiterin, Mareike, holt meine Interviewpartnerin. Unsere Hände sind gewaschen. Wir kommen aus dem Bad heraus und da steht sie: „Ev“. Ev sagt, dass Männer hier grundsätzlich nicht rein dürfen, sodass mein Kumpel mich leider verlassen muss. Ev tröstet mich und sagt, ich könne auch ohne Begleitung in die Einrichtung kommen.

Die Gesellschaft lässt uns verstehen das der Mann aus Natur viel stärker ist als die Frau und ihm dementsprechend öfter zuzutrauen ist, gewalttätig zu werden. Männer wissen das und nutzen es leider trotzdem immer mal zu ihrem Vorteil, um die Partnerin einzuschüchtern. Das sei natürlich absolut falsch und müsse in der Grundschule schon besprochen werden. Stattdessen werden sie beim 100m-Sprint strenger bewertet als die Mädchen.

Ev und Mareike führen mich in ihr Büro, wo ein Sofa, ein Tisch, und ein Schreibtisch mit einem Computer stehen. Über dem Schreibtisch sind viele Pinnwände mit Zetteln versehen und auf dem Schreibtisch selbst liegen auch nochmal ganz viele Notizen herum. Ich sitze gemütlich auf einem Sofa und habe dennoch meine medizinische Maske auf, genau wie Ev und die Praktikantin. Vor mir habe ich eine Plastikscheibe, da wir uns seit dem Beginn der Pandemie nur noch mit Abstand begegnen dürfen.

Vor mir auf der linken Seite sitzt Ev auf einem Computerstuhl. Auf der rechten Seite sitzt die Praktikantin Mareike auf einem Holzstuhl. Ev hat einen schwarzen Pullover und eine Jeans an. Ihre braunen Haare hat sie hinten in einem Seitenscheitel zusammengebunden. Mareike hat einen weißen Pullunder und eine schwarze eng anliegende Hose an. Ihre dunkelbraunen und schulterlangen Haare liegen in einem Mittelscheitel offen.

Das Interview mit Ev und ihrer Kollegin Mareike

 

Ev ist schon bewusst, dass ich sie aufnehme, sodass ich mein Handy auf dem Tisch lege. Bevor ich mit der Sprachmemo beginne, stelle ich mich erst einmal vor und erkläre ihnen die Intention meines Interviews.

Nun zu den ersten Fragen an Ev, die explizit an sie gerichtet sind: Wie lange arbeitest du schon in diesem Fraueninstitut? Wie war es am Anfang, hier zu arbeiten? Und wie geht ihr mit den Erlebnissen und Geschichten um, die die Frauen Euch erzählen. Ev sagt mir, dass sie schon seit 8 Jahren in dieser Frauenberatungsstelle arbeitet und zuvor auch in einer ähnlichen Einrichtung tätig war. Dementsprechend ist sie mit vielen Dingen sehr vertraut.

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Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben sagt, dass jede vierte Frau im Alter zwischen 16 und 85 Jahren bereits einmal in ihrem Leben von ihrem Lebensgefährten oder dem Ex-Lebensgefährten misshandelt wird. Die Täter werden seelisch sowie körperlich belastet. Alles findet Zuhause statt, an einem Ort also, wo man normalerweise Geborgenheit und Sicherheit empfindet und dem Partner eigentlich vertraut. Unter häuslicher Gewalt versteht man z.B. wenn die Partnerin beleidigt wird, ihr Eigentum beschädigt wird, man ihr droht, Kontakte zu anderen Mitmenschen unterbindet, ihre Ausgaben kontrolliert oder sie im Zuge einer Trennung terrorisiert.

FRAUENRAUM“ bietet Frauen Hilfe und Unterstützung an, wenn Angst, Scham und Schuldgefühle es schwer machen, über das Erlebte zu reden. Zusätzlich bietet „FRAUENRAUM“ telefonische und persönliche Beratung, Unterstützung bei der Klärung der aktuellen Situation und emotionale Entlastung sowie die Möglichkeit, in Ruhe die eigene Situation zu überdenken.

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„Unsere Grundhaltung ist Parteilichkeit, das heißt, dass wir im Großen und Ganzen den Frauen glauben“, sagt Ev. Die Frauen werden ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Wichtig ist auch, dass die Frau den Zeitpunkt, wann sie gehen möchte, selbst bestimmt. Sie muss sich letztendlich Zuhause trennen, eine neue Wohnung suchen und die Kinder verlassen.

Mir kommt eine Frage im Sinn: „Sind es immer Frauen aus Entwicklungsländern, die ungerecht behandelt werden?“. Ev spricht nämlich auch über Anwälte und Behörden und ich denke mir: "Frauen ohne Migrationshintergrund würden es bestimmt alleine hinbekommen, einen solchen Termin in Anspruch nehmen." So ist es nicht, jede Frau kann psychisch oder physisch von ihrem gewalttätigen Partner belastet werden.

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Laut der polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) hat jedes Kind das Recht eine glückliche Familie zu haben. Dass Mutter und Vater sich mal streiten, ist durchaus normal aber wichtig ist auch, dass sie sich wieder vertragen. Kommt aber Gewalt ins Spiel, lastet oft ein enormer Druck auf den Kindern. Sie müssen Aufgaben übernehmen, denen das Opfer nicht mehr gewachsen ist. Damit sind Kinder oftmals überfordert. Mischen sich Kinder in einen Streit ein, können sie sich selbst in Gefahr bringen.

Es gibt aber auch Fälle, wo Eltern davon ausgehen, dass die Kinder gar nichts mitbekommen. Dann heißt es „Sie sind im Zimmer und spielen Videospiele“, während sie aber die Spannungen sehr wohl mitbekommen. Sie nehmen auch wahr, wie z.B. der Vater mit der Mutter spricht.

Viele Frauen bleiben in der toxischen Partnerschaft oder kehren nach dem Verlassen wieder in die Ehe zurück, da sie ihre Kinder ein einfaches Leben zur ermöglichen wollen. Der Mann sorgt nicht selten dafür , dass das tägliche Brot ins Haus kommt oder unterstützt auch die Kinder finanziell für die Schule oder Kita.

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Mareike sagt, dass in jeder Situation es ziemlich wichtig ist, sich immer auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Die Mitarbeiter wissen oft, wo sie den Betroffenen hinschicken können, um alles dokumentieren zu lassen oder gegebenenfalls gegen die Männer eine Anzeige erstatten zu lassen. Dass es auch mal negative Situationen gibt, ist nicht auszuschließen, da es Teil ihrer Arbeit ist.

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Ev erzählt mir ein Fallbeispiel, was ihr besonders positiv bis zum heutigen Tag im Gedächtnis geblieben ist.

00:00 / 01:06

 Ziele der Frauen: Was sind eigentlich die persönliche Wünsche einer Frau, nachdem ihre Situation verbessert wurde? Dazu hat Ev für uns eine Antwort. 

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Das Interview ist beendet: Wie geht es weiter?

Zwanzig Minuten lang geredet und die Arbeit ist getan. Ich bedanke  mich außerordentlich für die Offenheit und für das Privileg, das Interview führen zu dürfen. Ich frage Ev, ob sie Kinder oder ein Mann hat. Sie sagt: „Ja“ und lacht dabei. Ich frage: „Behandelt dich dein Mann gut?“, sie sagt „Ja“ und ich wünsche mir, dieses Glück auch eines Tages zu erleben. 

Das Verlassen des Gebäudes

Mein Begleiter  steht vor der Haustür. Gern wäre er dabei gewesen und sagt: „Ich bin doch komplett gegen Gewalt an Frauen und bin eigentlich sogar eher für die radikale Lösung mit Kastration“. Wir machen uns auf dem Weg nach Hause. Wieder den Rosenthaler Platz entlang, die U-Bahn Richtung Alexanderplatz und bald  bin auch ich schon vor meiner eigenen Haustür angekommen, hinter der ich mich garantiert sicher fühlen kann.